Kein Platz für Antifeminismus – Incels den Kampf ansagen!
Inhaltswarnung: Gewalt, Antifeminismus, Sexismus, Antisemitismus
Der Weg in die Bewegung beginnt für Männer meist mit der Suche nach anderen, frustrierten Gleichgesinnten, die keine Partnerin finden. In der Regel steigert sie sich zu extremem Frauenhass und endet im schlimmsten Fall in Femiziden. In den letzten Jahren hat sich die Wirkung des vormaligen Internet Phänomens nach und nach auch in die echte Welt verlagert und immer mehr Männer zählen sich zu den “Incels”. Die „Incels“ (aus dem Englischen “involuntary celibate”) sind eine antifeministische Bewegung, die ihre Wurzeln im Internet hat.
Ursprünge der Ideologie
Die Bewegung hat ihren Ursprung in einer Selbsthilfegruppe, die 1997 von Alana, einer queeren kanadischen Studentin, gegründet wurde. Alana hatte damals Schwierigkeiten mit ihrer queeren Identität und wollte ein Forum schaffen, das Menschen helfen sollte, Partner*innen zu finden. Dieses „Alana’s Involuntary Celibacy Project“ begann also als Plattform zur Unterstützung bei der Suche nach romantischen Beziehungen.
Die anfängliche Intention wurde durch zunehmend frauenfeindliche Ansichten und eine toxische Männergemeinschaft ersetzt, die ihre Frustration und ihren Hass gegenüber Frauen öffentlich machte und sich gegenseitig darin bestärkte. Alana verließ daraufhin im Jahr 2000 die Plattform. Dabei kommt der Umschwung der Anfangsidee nicht von ungefähr. Die Ideologie ist auch stark durch die sogenannte „Verführung Gemeinschaft“ bzw. die „Pick-Up-Artist-Bewegung“ beeinflusst, die in den 1990er Jahren in den USA populär wurde.
Diese Gruppen propagierten die Vorstellung, dass Männer Frauen durch psychologische Techniken und manipulative Verhaltensweisen verführen könnten. Frauen wurden in diesen Diskursen als Objekte betrachtet, die es zu „knacken“ galt. Der tief sitzende Frauenhass und die Objektivierung von Frauen sind Kernelemente der Pick-Up-Artist-Bewegung und schufen eine Kultur, in der Frauen als Belohnungen oder Ziele für männliche „Erfolge“ angesehen wurden. Diese Ansichten spiegeln sich stark in der ideologischen Grundlage der Incels wider.
Was sind Incels?
Der Begriff „Incel“ ist eine Selbstbezeichnung und bedeutet auf Deutsch „ungewollte Abstinenz“. Er beschreibt Männer, die (vermeintlich) keine romantische und sexuelle Beziehung mit Frauen haben. Die Incels sind tief in einem antifeministischen Weltbild verwurzelt. Sie vernetzen sich hauptsächlich in Online-Foren und sozialen Plattformen wie Reddit, wo sie sich als Teil der „Manosphere“ sehen – einem Netzwerk von Männern, die sich über antifeministische und oft misogyne Ideen austauschen. Grundposition dieser Bewegung ist, dass Männer ein Recht auf Sex und romantische Beziehungen zu Frauen hätten, das ihnen von Frauen bewusst vorenthalten werde.
Dafür, dass sie keinen Sex mit Frauen haben, machen sie Frauen, den Feminismus und die sexuelle Revolution verantwortlich. Dadurch, dass Frauen seither selbstbestimmt leben würden – das Patriarchat ist laut Incels nämlich längst abgeschafft bzw. nicht existent – befände man sich in einem Zustand, in dem Frauen das Dating-Leben kontrollieren. Demnach würden sich Frauen ausschließlich nach dem Aussehen ihrer Partner richten und diese kategorisieren. Die attraktivsten Männer, oft als „Chads“ bezeichnet, würden die meisten romantischen Angebote erhalten, während weniger attraktive Männer, die als „Incels“ gelten, keinerlei Chancen hätten, da sie von Frauen als unattraktiv angesehen würden. In ihrer Wahrnehmung gelten Frauen als oberflächliche Wesen, die andere nur anhand des Aussehens beurteilen. Selbst bewerten Incels Frauen ebenfalls anhand ihres Aussehens und stufen sie auf Skalen ein. Die Entmenschlichung von Frauen steht dabei im Fokus.
Die Incel-Ideologie nutzt popkulturelle Referenzen, um ihre Weltanschauung zu verdeutlichen. Das bekannteste Beispiel ist die Analogie zur berühmten Szene aus dem Film „The Matrix“, in der der Protagonist zwischen der blauen und der roten Pille wählen muss. Incels sprechen von „bluepilled“ (Illusionsgläubige) und „redpilled“ (die „Wahrheit“ Erkennende). Als „bluepilled“ verstehen sie alle, die nicht wie sie selbst denken und in einer Art Illusion leben und nicht wie sie „redpilled“ sind und die „Wahrheit“ der Welt erkannt haben. In den radikalisiertesten Kreisen gibt es zusätzlich sogenannte „Blackpilled“-Personen, die ein nihilistisches Weltbild und ein „Beta-Male-Uprising“ anstreben – eine gewalttätige Revolution, bei der Frauen und sexuell aktive Menschen getötet werden sollen, um anschließend selbst die Macht zu übernehmen.
Die extreme Sichtweise innerhalb der Incel-Community stellt Frauen in eine abwertende und objektivierende Rolle, was zu einer tiefen Verachtung und aggressiven Haltung gegenüber Frauen führt. Die Incel-Bewegung ist somit nicht nur ein Ausdruck von persönlichem Frust, sondern ein zutiefst antifeministisches und frauenfeindliches Phänomen, das autoritäre Tendenzen und extreme Weltanschauungen fördert.
Bedrohung durch Incels
Mittlerweile gibt es eine Vielzahl an Incel-Foren und Untergruppen, die unterschiedlich extreme Ansichten vertreten und unterschiedlich gewaltbereit sind. So gibt es immer noch Gruppen, bei denen eher der Frust über eine nicht vorhandene Partnerin im Fokus steht. Dies darf man jedoch nicht verharmlosen. Eine abwertende, antifeministische Einstellung ist eine Haupteigenschaft, die sich durch alle Gruppen zieht. Auch die scheinbar harmloseren Gruppen bieten einen fruchtbaren Boden für weitere Radikalisierung. Incels mit extremeren Ansichten versuchen oftmals, Menschen aus anderen Gruppen zu rekrutieren und sie zu radikalisieren.
Ihre radikalen Ansichten haben zur Folge, dass einige Incel-Mitglieder extreme Gewaltfantasien entwickeln. So gibt es unter ihnen eine Strömung, die eine Welt ohne Frauen oder eine extreme Umverteilung der Sexualität fordert. Hierbei werden Vorschläge gemacht, alle „Chads“ (attraktive Männer) und alle sexuell aktiven Frauen zu eliminieren oder dass alle Incel-Mitglieder sich selbst umbringen sollten, um einen vermeintlich gerechten Zustand herzustellen. Diese gewalttätigen und selbstzerstörerischen Ideen tragen zur Gefährdung von Gesellschaft und Einzelpersonen bei.
Innerhalb der Incel-Community herrscht eine unheimlich toxische Dynamik, in der Mitglieder einander attackieren und sich gegenseitig in einem Teufelskreis aus Hass und Isolation festsetzen. Die Radikalisierung in der Community ging in den letzten Jahren soweit, dass sie unter anderem in Amokläufen und Femiziden endete, wie in Kalifornien 2014 oder in Toronto 2018. Die extremistischen Überzeugungen der Incels sind keine Fantasien, die nur im Internet bleiben. Im schlimmsten Fall enden sie in tödlicher Gewalt. Die Glorifizierung von Gewalttaten und Attentätern macht die Lage umso bedrohlicher. Mit Begriffen wie „GO-ER“ wird beispielsweise aktiv dazu aufgerufen, Amokläufe wie in Kalifornien zu begehen.
Überschneidungen mit anderen Diskriminierungsformen
Die Incel-Bewegung zeigt klare Verbindungen zu verschiedenen Diskriminierungsformen und extremistischen Bewegungen auf. Dazu gehören unter anderem Rassismus, Antisemitismus und Queerfeindlichkeit. Incel-Ideologie und Antisemitismus verschmelzen oft, indem beispielsweise die feministische und sexuelle Revolution als Teil einer jüdischen Weltverschwörung angesehen wird. Der antisemitische Attentäter von Halle (2019) hatte direkte Verbindungen zur Incel-Community und spielte bei seinem Livestream während des Attentats ein in Incel-Kreisen populäres Lied ab. Zudem ist die Ablehnung von allem, was nicht in das binäre heteronormative Weltbild passt, Bestandteil der Ideologie.
Sowohl die Pick-Up-Artist-Bewegung als auch die Incel-Community sind Teil der „Manosphere“, einer breiteren Online-Subkultur von Männern, die sich gegen Feminismus und weibliche Empowerment-Phänomene positionieren. Diese Szene weist auch Überschneidungen mit rechten Bewegungen wie der Alt-Right-Bewegung, die ähnliche antifeministische und frauenfeindliche Ansichten vertreten, auf. Antifeminismus und der Wunsch nach starken patriarchalen Rollenbildern sind Elemente, die sich mit rechtem Gedankengut überschneiden und Verbindungen schaffen.
Incels als Ausdruck patriarchaler Missstände
Das grundlegende Gedankengut der Incel-Bewegung ist nicht neu, sondern spiegelt tief verwurzelte gesellschaftliche und kulturelle Normen wider. Das Verständnis von Männern und Frauen als „Konkurrent*innen“ um soziale und romantische Ressourcen ist in vielen Aspekten unserer Kultur präsent, von Filmen und Serien bis hin zu alltäglichen Interaktionen. Die Incel-Bewegung nimmt diese Ideen auf und verstärkt sie zu einer extremen Form von Misogynie und Frauenfeindlichkeit.
Die Vorstellung, dass Männer aufgrund ihres Aussehens oder ihrer sozialen Stellung von Frauen abgelehnt würden, ist ein Produkt des sozialen und kulturellen Drucks, der durch die Medien und die Gesellschaft auf junge Männer wirkt. Ein Druck, der erst durch das Patriarchat selbst erzeugt wird. Die Bildung des Phänomens der Incels und ihre rasante Verbreitung sind für uns ein wieder einmal ein klares Zeichen, dass die Notwendigkeit des feministischen Kampfes hochaktuell ist!
Wir fordern daher:
- Die Entwicklung von Schulungsprogrammen für Sozial*arbeiterinnen, Journalist*innen, Sicherheitsbehörden und politisch Engagierte, um den Umgang mit antifeministischer Hassrede und die Stärkung der zivilgesellschaftlichen Resilienz zu fördern.
- Frühzeitige und umfassende Bildungsprogramme, um die Fähigkeit zur kritischen Bewertung von Informationen zu fördern und antifeministische Propaganda zu erkennen und zu bekämpfen.
- Unternehmen zur Verantwortung zu ziehen! Kapitalistische Interessen sollten auf Plattformen wie Reddit nicht über Gewaltfantasien und Mordaufrufen stehen. Auch von Incels selbstgeschaffene Foren und Server, die keinen Kontrollmechanismen unterliegen, werden immer häufiger. Ein härteres Vorgehen gegen solche Aktivitäten ist dringend von Nöten!
- Politische Anerkennung für die nicht nur digitale, sondern reale Gefahr, die von Incels ausgeht. Die Incel-Bewegung wird von Wissenschaftler*innen zum Teil als „stochastischer Terrorismus“, also die Radikalisierung einer Gruppe in der Hoffnung, dass eine Person dann tatsächlich einen Terrorakt begeht, benannt. Der Schutz unserer freiheitlichen demokratischen Grundordnung ist durch diese Bewegung in Gefahr. Politische Maßnahmen müssen folgen!
Zudem unterstützen wir die Bemühungen der SPD-Landtagsfraktion, Druck auf die Landesregierung auszuüben, um den Landesaktionsplan gegen Gewalt an Frauen weiterzuentwickeln. Die konsequente Verstärkung von Maßnahmen gegen antifeministische und frauenfeindliche Ideologien ist unheimlich wichtig.
- Wir fordern zusätzlich eine intensivere Auseinandersetzung der Bundespolitik mit antifeministischen Ideologien.