Mütterlichkeit abschaffen
Der Mythos der guten Mutter
Eine gute Mutter kümmert sich liebevoll um ihre Kinder, führt eine glückliche Beziehung mit ihrem Partner und macht dabei erfolgreich Karriere – so zumindest sieht das aktuell vorherrschende Idealbild der Mutterschaft aus.
In der Realität ist Muttersein allerdings vor allem mit Überlastung, Druck, und Überforderung verbunden. Zwischen unzureichender Kitaversorgung, prekären Arbeitsplätzen und ungleich verteilter Sorgearbeit sind die gesellschaftlichen Bedingungen, unter denen das Elternsein für Frauen heute stattfindet, kompliziert. Die Verantwortung für die Lösung dieser Probleme wird meistens auf Individuen übertragen. Mütter (und Väter) müssen für sich entscheiden, wie sie Arbeit und Familie miteinander vereinbaren wollen.
Seitdem Mütter vermehrt am Arbeitsmarkt partizipieren, ist das Problem der Sorgearbeit gleichzeitig individualisiert und einer neoliberalen Marktlogik unterworfen worden.
Rechte Bewegungen wissen diesen Zustand schon längst für sich zu nutzen: Rechte Politiker*innen, Aktivist*innen und Influencer*innen propagieren ein völkisches, heteronormatives Bild von Mutterschaft und Familie, in dem der Mann Alleinverdiener ist und die Frau sich selbst als Hausfrau und Mutter verwirklicht und angeblich jenseits von kapitalistischen Zwängen und gesellschaftlichen Bedingungen vollkommen in dieser Rolle aufgehen kann. Partnerschaft, Familie und Mütterlichkeit sind in diesen völkisch aufgeladenen Darstellungen natürlich immer nur innerhalb heterosexueller Beziehungen möglich. Queere Elternschaft wird negiert und als unmöglich propagiert.
Fürsorge statt Mütterlichkeit
Selbst wenn heterosexuelle Paare gleichberechtigte Beziehungen führen, ändert sich das Verhältnis zur Sorgearbeit häufig, wenn ein Kind geboren wird. Unabhängig davon, ob sich die Partner*innen über die Strukturen des Patriarchats bewusst sind, verfällt die Beziehung häufig in traditionelle Bilder zurück, sobald ein Kind da ist. Natürlich spielen staatliche und ökonomische Anreize wie etwa das Ehegattensplitting dabei eine Rolle. Aber eben auch Mütterbilder. Noch immer wird größtenteils davon ausgegangen, dass ein vermeintlich biologisch begründeter Zusammenhang zwischen Weiblichkeit und Mutterschaft besteht. Aufgrund von Schwangerschaft, Geburt und Stillen gäbe es eine besondere Verbindung zwischen Mutter und Kind, die dazu führe, dass Mütter sich eben von Natur aus am besten um ihre Kinder kümmern könnten.
Dabei brauchen Kinder vor allem Liebe und Fürsorge – unabhängig vom Geschlecht oder biologischer Verwandtschaft der Person, die sich kümmert.
Zudem entspricht die Mutter-Vater-Kind-Familie längst nicht der Realität. Immer mehr Eltern sind alleinerziehend, leben in Patchwork-Familien oder gleichgeschlechtlichen Beziehungen.
Die Vorstellung, dass Fürsorge automatisch Mütterlichkeit bedeutet, ist längst überholt von pluralen Familienkonstellationen – und das ist auch gut so. Was es demnach braucht, ist das Einreißen der Vorstellung von Mütterlichkeit, die immer patriarchalen Denkweisen zugrunde liegt. Stattdessen fordern wir ein neues Verständnis von Fürsorge und Transparenz darüber, wer sie leistet.
Kind oder Karriere?
Noch immer scheint es einen Widerspruch zwischen dem Leben als Mutter und als Frau mit erfolgreicher Karriere zu geben.
Feministische Bewegungen kämpfen seit Jahrhunderten für eine gleichberechtigte Partizipation an der Erwerbsarbeit. Ein eigenes Einkommen und finanzielle Unabhängigkeit sind zentral für die feministische Emanzipation.
Aber während nun die gesellschaftliche Erwartungshaltung vorsieht, dass Mütter sich dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stellen, fehlt eine gleiche Erwartung an Väter, sich an der Sorgearbeit zu beteiligen.
Frauen sind deshalb oft unter doppeltem Druck: zum einen müssen sie ihrer Erwerbsarbeit nachkommen, wollen sich selbst beruflich weiterentwickeln. Zum anderen müssen sie auch zuhause die Sorgearbeit selbst übernehmen oder koordinieren. Dabei ist zu oft die Frau allein diejenige, die einen Kompromiss finden muss. Wenn sie Unterstützung hat, dann vor allem von anderen, meist weiblichen Familienmitgliedern oder in Form von professionalisierter Sorgearbeit; es bleibt in der Gesellschaft ein weibliches und auch migrantisiertes Problem. Der global care Chain beweist einmal mehr die Notwendigkeit unserer intersektionalen Analyse.
Der doppelte Druck für Frauen kostet nicht nur viel Zeit und emotionale Kapazitäten, sondern bedeutet in der Konsequenz oft auch: Frauen müssen sich öfter für Teilzeit oder Minijob entscheiden, um sowohl Erwerbs- als auch Sorgearbeit nachgehen zu können. Dies ist natürlich mit schlechterer Bezahlung, prekären Arbeitsverhältnissen und schlechter Versorgung verbunden und bedeutet oft auf lange Sicht nicht nur schlechtere Karrieremöglichkeit und das Risiko der Altersarmut, sondern auch mehr (finanzielle) Abhängigkeit vom Partner. Eine Spirale der Ungerechtigkeit.
Viele Unternehmen inszenieren sich zwar als familienfreundlich, geben die Verantwortung dann aber doch auf die individuelle Ebene ab. Probleme bei Betreuung soll die Frau schön mit sich ausmachen, die Folgen schlechter Perspektiven für Frauen mit Kind(ern) auf dem Arbeitsmarkt hat aber bitte schön auch die Frau selbst zu tragen. Und das ist eben nicht vergleichbar mit der Situation von Vätern im Beruf. Während Frauen allein durch ihr Muttersein oft schlechtere Karrierechancen haben, gilt das Vatersein für männliche Karrieren oft als Pluspunkt. Ein Phänomen, das sich in Statistiken über Gehaltsunterschiede zwischen den Geschlechtern eindrucksvoll nachvollziehen lässt.
Auch der Zugang zur Arbeit im Homeoffice ist für Frauen oft schwieriger als Männer. Frauen erfahren häufiger als ihre männlichen Kollegen Widerstand von ihren Vorgesetzten, wenn sie von zuhause arbeiten möchten. Zudem arbeiten Beschäftigte in Teilzeit seltener im Homeoffice – ein Problem, das vor allem Frauen betrifft. Zusätzlich sind sie vermehrt in personennahen Dienstleistungen beschäftigt, was oft bedeutet, dass die Arbeit von zuhause gar nicht erst möglich ist.
Diese Doppelstandards dürfen nicht länger Realität bleiben!
Weg mit der Mütterlichkeit
Es braucht einen linken Entwurf für Familien- und Arbeitspolitik, den wir all dem entgegensetzen können. Mutterschaft und die gesellschaftlichen Bedingungen, unter denen sie stattfindet, sind politisch – wir definieren sie jungsozialistisch, das heißt feministisch, um.
Wir fordern:
● Ab in die Tonne mit veralteten Vorstellungen der absoluten Mutterliebe, wir wollen im Hinblick auf die Kindererziehung von Fürsorge sprechen.
● Das Recht auf eine Kindheit mit Fürsorge gehört für uns zu den Rechten aller Kinder – unabhängig von ihrer familiären Situation und ökonomischen Position. Das bedeutet, der Staat und die gesamte Gesellschaft müssen Sorge tragen!
● Wenn Frauen sich – aus welchen Gründen auch immer – gegen eine Elternschaft entscheiden und keine Kinder bekommen, soll das allein ihre Entscheidung sein. Z. Bsp. Zugang zu kostenloser Verhütung oder Sterilisation für alle Geschlechter sind deshalb notwendig.
● In der Arbeitswelt benötigt es mehr Schutz vor Diskriminierung von Frauen (mit Kindern) und Menschen mit Uterus, von denen Pauschal davon ausgegangen wird, sie würden sicher bald Kinder bekommen. Dafür braucht es endlich eine Reform des AGG (Allgemeines Gleichbehandlungsgesetz), das Arbeitnehmer*innen neben dem Recht auf Beschwerde auch wirksame Sanktionsmöglichkeiten an die Hand gibt.
● Dafür benötigt es auch unweigerlich die Stärkung von betrieblicher Mitbestimmung und Gewerkschaften. Denn ob Verbandsklagerecht, Rechtsberatung, Betriebsvereinbarung oder Tarifvertrag: Gewerkschaftliche Mitbestimmung sägt am Patriarchat!
● Nicht nur das Recht auf einen Kitaplatz, sondern auch die Ausfinanzierung dieser Strukturen vor allem durch den Staat, aber auch durch Mitfinanzierung von großen Unternehmen rund um den jeweiligen Standort durch eine Umlage.
Die Sicherstellung der praktischen Durchführbarkeit von § 24 SGB VIII sowie die allgemeine KiTa-Pflicht ab dem zweiten Lebensjahr.
● Einen Rechtsanspruch auf selbstbestimmtes mobiles Arbeiten für Beschäftigte, der durch Tarifverträge und Mitbestimmung in Betrieben und Verwaltungen ausgestaltet wird