Schluss mit dem Blindflug! Care Arbeit endlich zählen, planen, gerecht machen!
In einem dicht besiedelten Bundesland wie Nordrhein-Westfalen leben Millionen Menschen in sehr unterschiedlichen Lebenssituationen und haben dementsprechend vielfältige Bedarfe an Betreuung, Pflege, Unterstützung und Versorgung. Dennoch gibt es bislang keine umfassende Datengrundlage, die sichtbar macht, wie das Netz an Care Arbeit strukturiert ist: Wer leistet was? Wo fehlt es an Angeboten? Wo wird Sorgearbeit unsichtbar im Privaten oder im Ehrenamt erbracht, ohne dass es politisch berücksichtigt wird? Politik und Verwaltung tappen hier weitgehend im Dunkeln. Zwar verpflichtet § 7 Alten- und Pflegegesetz NRW die Kommunen zu einer örtlichen Pflegeplanung, jedoch liegt der Fokus ausschließlich auf der Altenpflege, stationär und ambulant.
Wichtige Bereiche der Fürsorge bleiben außen vor von der Kinderbetreuung über die Behindertenhilfe bis zur pflegenden Angehörigenarbeit. Damit fehlt die Grundlage für eine echte gleichstellungspolitische und soziale Planung im Alltag. Pflege, Erziehung und Betreuung sind aber keine Randthemen. Sie betreffen mehrheitlich Menschen, die in prekären oder belasteten Lebenslagen leben, und häufig Personen mit Migrationsgeschichte. Gerade in migratisierten Familien bleibt Care Arbeit ein blinder Fleck in der kommunalen Planung. Sorgeaufgaben werden dort häufig im familiären Verbund übernommen, nicht weil es eine echte Wahl gibt, sondern weil der Zugang zu professionellen Angeboten oft durch sprachliche Hürden, fehlende Informationen oder institutionelle Diskriminierung erschwert wird.
Zudem belegen Studien, dass Menschen mit Migrationsgeschichte in NRW überdurchschnittlich oft in prekären Arbeitsverhältnissen stehen, geringere Einkommen erzielen und in beengten Wohnverhältnissen leben. Diese Faktoren erhöhen nicht nur den Bedarf an öffentlichen Care Angeboten, sondern verschärfen auch die Abhängigkeit von familiärer und informeller Sorgearbeit. Ältere Menschen mit Migrationsgeschichte werden oft innerhalb der Familie versorgt, obwohl auch dort der Bedarf an ambulanter oder stationärer Pflege wächst. Diese Leistungen bleiben jedoch statistisch weitgehend unsichtbar und werden in kommunalen Planungen ignoriert.
Migrantisierte Familien werden durch bestehende Strukturen schlechter erreicht. Kitas sind nicht flächendeckend mehrsprachig oder kultursensibel ausgerichtet. Das Ergebnis ist, dass Kinder aus diesen Familien häufig später oder gar nicht in die institutionelle Betreuung gelangen mit massiven Folgen für ihre Bildungsbiografien und gesellschaftliche Teilhabe. Ohne eine systematische Erhebung dieser Bedarfe und Leistungen bleibt Politik blind für strukturelle Ungleichheiten und reale Notlagen. Gleichstellungspolitik, Sozialplanung und Integrationspolitik bleiben in diesem Zustand bloße Lippenbekenntnisse. Wer es ernst meint mit gesellschaftlichem Zusammenhalt und Teilhabegerechtigkeit, muss endlich die unsichtbare und vielfältige Care Arbeit in allen Teilen der Gesellschaft sichtbar machen – insbesondere dort, wo soziale Ungleichheiten durch Migration, Diskriminierung und prekäre Lebensbedingungen ohnehin schon bestehen.
Deshalb fordern wir:
- Regelmäßige Berichte
Jede kreisfreie Stadt und jeder Kreis soll mindestens zweimal pro Wahlperiode einen kommunalen Care-Bericht vorlegen, der alle relevanten Säulen der Sorgearbeit erfasst von Erziehung (Kitas, Ganztagsbetreuung, Jugendamt) über Versorgung (Gesundheitswesen, Reha, Altenpflege) und Betreuung (Behindertenhilfe, Jugend- und Seniorenarbeit) bis zur Pflege (ambulant, stationär und informell durch Angehörige). Die Berichte sind der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. - Verknüpfung mit der Planung
Die Ergebnisse der Care-Berichte müssen verbindlich in die kommunalen Entwicklungs- und Sozialplanungen einfließen. Insbesondere sollen sie bei Entscheidungen zur Schulentwicklungsplanung, zum öffentlichen Nahverkehr, zur Wohnraumplanung und anderen Infrastrukturkonzepten berücksichtigt werden, um bedarfsgerecht zu planen. - Beteiligung der Zivilgesellschaft
Betroffene und Engagierte müssen einbezogen werden. Wir fordern die aktive Beteiligung von Initiativen, Gewerkschaften, Wohlfahrtsverbänden, Pflege- und Familienverbänden an der Datenerhebung und Auswertung. Dies kann z. B. in Form von Runden Tischen oder Beteiligungsworkshops geschehen, um die Zahlen mit der Lebensrealität vor Ort abzugleichen. Wir wissen, dass die Situation von Pflegebedürftigen und Angehörigen zeitintensiv ist und fordern daher auf, auch sie in diesem Prozess zu beteiligen und entsprechende Formate regional dafür zu schaffen. - Unterstützung durch das Land
Das Land NRW soll die Kommunen bei der Erstellung der Care-Berichte unterstützen durch die Bereitstellung von Datenbanken und Indikatoren (analog zur Gesundheitsberichterstattung), durch Schulungen und Fachberatung für kommunale Planer*innen sowie durch Fördermittel, insbesondere für finanzschwächere Kommunen. So wird gewährleistet, dass alle Städte und Kreise die Berichte in hoher Qualität erstellen können und ein Landeseinheitlicher Standard entsteht.Quellen: - Landeszentrum Gesundheit NRW (LZG NRW) – Kommunale Gesundheitsberichterstattung in NRW (Website)
- ISG Institut Köln (2023) – Dritter Bericht zur kommunalen Pflegeplanung der Stadt Köln (durchgeführt nach §7 APG NRW, Fokus Altenpflege)
- AWO Sozialkonferenz (2020) – Dokumentation „Irrelevant trotz Systemrelevanz? – Frauen- und Gleichstellungspolitik in der Krise“ (Forderung: „Unsichtbare Arbeit sichtbar machen“)
- Euro Centre (Interlinks, 2010) – Joint Strategic Needs Assessment (JSNA) – Beispiel Großbritannien (Pflicht zur kommunalen Bedarfsermittlung seit 2008)