Verpflichtender Geschichts- und Politikunterricht ab der Sekundarstufe I an allen weiterführenden Schulen in Nordrhein-Westfalen

Wir fordern, dass der Geschichts- und Sozialwissenschaftenunterricht an allen weiterführenden Schulen in Nordrhein-Westfalen ab der Sekundarstufe I (ab Klasse 5) verpflichtend und durchgehend bis mindestens zur Oberstufe (bis Ende Klasse 10) für alle Schüler*innen unterrichtet wird.

Ziel ist es, das Demokratieverständnis junger Menschen nachhaltig zu stärken, politischer Verdrossenheit entgegenzuwirken und ein fundiertes historisches Bewusstsein zu fördern.

Demokratie braucht politische Bildung

Demokratie lebt von informierten, mündigen und engagierten Bürger*innen. Damit Menschen sich aktiv an demokratischen Prozessen beteiligen können, benötigen sie ein grundlegendes Verständnis politischer Strukturen, Entscheidungsprozesse und gesellschaftlicher Zusammenhänge. Der Philosoph John Dewey formulierte treffend: „Demokratie muss in jeder Generation neu geboren werden, und Erziehung ist ihre Hebamme.“ Dieses Zitat verdeutlicht: Demokratie ist kein Selbstläufer. Demokratische Werte und Institutionen müssen aktiv vermittelt, verstanden und gelebt werden.

Gerade junge Menschen stehen heute vor komplexen politischen Herausforderungen – von Klimapolitik über soziale Ungleichheit bis hin zu internationalen Konflikten. Umso wichtiger ist es, sie frühzeitig zu befähigen, politische Entwicklungen kritisch zu reflektieren und eigenständig Positionen zu entwickeln.

Geschichtsbewusstsein als Grundlage der Demokratie

Ein fundiertes Geschichtsbewusstsein ist essenziell, um die Gegenwart zu verstehen und die Zukunft verantwortungsvoll zu gestalten. Die deutsche Geschichte vom Kaiserreich über die Weimarer Republik und den Nationalsozialismus bis hin zur Wiedervereinigung prägt die deutsche Geschichte bis heute.

Ein Beispiel für die Folgen mangelnder historischer Einordnung liefert ein Vorfall aus dem Jahr 1963: Der ehemalige Großadmiral Karl Dönitz hielt am Otto-Hahn-Gymnasium einen Vortrag über das „Dritte Reich“. Die Schüler*innen waren darauf nicht vorbereitet, kritische Nachfragen blieben aus, und der Auftritt wurde zunächst sogar positiv aufgenommen. Erst durch öffentliche Kritik entwickelte sich eine breitere Debatte. Der Vorfall zeigt deutlich, dass ohne fundierte historische Bildung die Fähigkeit zur kritischen Einordnung fehlt, selbst bei zentralen Themen der eigenen Geschichte.

Insbesondere heutzutage, wo geschichtsrevisionistische Narrative, Verschwörungserzählungen und extremistische Ideologien in sozialen Medien verbreitet werden, ist ein früher und kontinuierlicher Geschichtsunterricht unverzichtbar. Der verpflichtende Geschichtsunterricht ab der 5. Klasse sichert, dass Schüler*innen Manipulation erkennen und demokratische Werte verteidigen können.

Politikverdrossenheit und Wissenslücken

Viele junge Menschen erreichen das Wahlalter, ohne grundlegende Kenntnisse über politische Prozesse und Parlamente zu besitzen. Oft bestehen Unsicherheiten darüber, wie Wahlen ablaufen, welche Aufgaben Parlamente haben oder welche Parteien ihre eigenen Interessen und Werte vertreten. Diese Wissenslücken sind kein individuelles Versagen, sondern Ausdruck struktureller Defizite im Bildungssystem.

Denn gleichzeitig verbreiten sich politische Inhalte über soziale Medien in rasanter Geschwindigkeit. Diese sind jedoch häufig verkürzt, emotionalisiert oder gezielt manipulativ. Ohne ausreichende politische Bildung fällt es schwer, zwischen verlässlichen Informationen und Desinformation zu unterscheiden. Ein umfassender Politikunterricht würde daher unverzichtbare Kompetenzen vermitteln: kritisches Denken, Medien- und Informationskompetenz sowie ein Verständnis demokratischer Prozesse.

Schule als zentraler Ort demokratischer Bildung

Schulen sind der einzige Ort, an dem alle Kinder und Jugendlichen unabhängig von ihrer sozialen Herkunft gleichermaßen erreicht werden. Während einige Schüler*innen politische Bildung außerhalb der Schule erfahren, gilt dies nicht für alle. Gerade deshalb ist es Aufgabe des Bildungssystems, gleiche Voraussetzungen zu schaffen.

Daher würde ein verpflichtender Geschichts- und Politikunterricht ab der Sekundarstufe I sicherstellen, dass alle Schüler*innen Zugang zur politischen Bildung erhalten. Dadurch werden auch demokratische Kompetenzen frühzeitig entwickelt und die gesellschaftliche Teilhabe gefördert.

Wir fordern daher:

  1. Verpflichtenden Geschichts- und Politikunterricht ab Klasse 5 und bis zur Oberstufe (Ende Klasse 10) an allen weiterführenden Schulen in Nordrhein-Westfalen;
  2. Eine gezielte Stärkung des Demokratieverständnisses, um Schüler*innen frühzeitig zu aktiver gesellschaftlicher Teilhabe zu befähigen;
  3. Eine intensivere und frühere Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte, insbesondere ab dem Kaiserreich;
  4. Einen praxisnahen Politikunterricht, der politische Institutionen, demokratische Prozesse und Wahlen verständlich vermittelt;
  5. Eine stärkere Förderung von Medien- und Informationskompetenz, um Desinformationen und extremistische Narrative zu erkennen und kritisch zu hinterfragen.