Zeit für mehr Gerechtigkeit- Gerechtigkeit für mehr Zeit. Warum Arbeitszeitverkürzung Klassenkampf ist und wer sie erkämpft
Im Kapitalismus befinden sich Arbeitnehmer*innen und Arbeitgeber*innen stets in einem großen Konflikt um den Mehrwert, den die Arbeitnehmer*innen mit ihrer Arbeitskraft erwirtschaften und den sich die Kapitalisten aneignen wollen.
Wer bewerten will, wo entlang dieser Konfliktlinie sich die Beschäftigten eines Unternehmens oder einer Branche befinden, wird wahrscheinlich zunächst auf die Entgelttabellen schauen. Und natürlich sagt die Höhe der Löhne viel darüber aus, wie gut es den Beschäftigten gelungen ist, ihre Interessen gegen die der Kapitalisten durchzusetzen. Aber ebenso wichtig wie die Löhne, ist die Frage nach der Arbeitszeit. Die Frage, welchen Teil des Tages und wieviele Tage unseres Lebens, wir damit verbringen unter fremder Kontrolle zu Arbeiten, beschäftigt die Arbeiter*innenbewegung schon sehr lange. Seit der Industrialisierung sind wir weit gekommen- die Höchstarbeitszeiten sind gesunken und die Ansprüche auf Urlaub, Krankengeld oder Rente sind gestiegen. In Deutschland ist die Arbeitszeit ein Verhandlungsgegenstand von Tarifverhandlungen. Gesetzlich sind lediglich Rahmenbedingungen wie eine tägliche Höchstarbeitszeit oder Regeln für den Jugendschutz verankert. Da allerdings seit vielen Jahren die Tarifbindung, also der Anteil der Beschäftigten, die unter einem Tarifvertrag arbeiten, sinkt, lastet eine größere Verantwortung auf der Politik, Arbeitspolitik zu diskutieren und umzusetzen.
Wer hat an der Uhr gedreht? Die aktuelle Debatte
In den vergangenen Monaten hat die Diskussion um Arbeitszeiten in der Öffentlichkeit wieder spürbar Fahrt aufgenommen. Anfang des Jahres legte die GdL (Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer) den deutschen Bahnverkehr medienwirksam und nachhaltig lahm, um in ihrer Tarifbewegung die Verringerung der Wochenarbeitszeit für Schichtarbeitende von 40 auf 35 Stunden durchzusetzen. Trotz des großen öffentlichen Drucks, der auf der Gewerkschaft lastete, setzte sie sich am Ende durch und erreichte eine Reduzierung auf 35 Stunden bis 2029, wobei die Beschäftigten freiwillig bei 40 Stunden bleiben können- dann mit deutlich besserer Bezahlung. Das Modell, auf das sich GdL und Bahnvorstand geeinigt haben, wird von Expert*innen als zukunftsweisend bezeichnet, weil es flexibel genug ist, um verschiedenen Bedürfnissen einer individueller werdenden Arbeitnehmer*innenschaft zu begegnen.
Dennoch gehen einige Akteur*innen der Bundes- und Landespolitik auf die Barrikaden: Angesichts des sich immer stärker auswirkenden Fachkräftemangels träumt etwa die FDP davon Überstunden bei Vollzeit steuerfrei zu machen[1] oder gleich das Streikrecht einzuschränken[2], um sich gegen unliebsame Arbeitskämpfe zu wehren. Währenddessen würde Sachsens Ministerpräsident Kretschmer das Recht auf Teilzeit am liebsten ganz abschaffen[3].
Union und FDP möchten außerdem die bestehenden Höchstarbeitsgrenzen anheben- ungeachtet der damit verbundenen steigenden Gefahr von Unfällen und Krankheiten.[4] Nur weil in den Büros von Investmentbankern auch nach 12 Arbeitsstunden keine schweren Arbeitsunfälle passieren, heißt das nicht, dass wir auf diese wichtigen Arbeitsschutzgesetze verzichten können.
All diese Beispiele zeigen: Wenn Liberale und Konservative sich in die Debatte um Arbeitszeitverkürzungen einmischen, tun sie das meist destruktiv und unsachlich. Das hilft weder den Arbeitnehmer*innen, noch den Unternehmen, denn rückwärtsgewandte Ansätze werden den Arbeitskräftemangel nicht bekämpfen.
Sachlich betrachtet stellt sich die Realität auf dem deutschen Arbeitsmarkt ohnehin anders dar: Noch nie wurden in Deutschland so viele Stunden gearbeitet wie 2023!
Konservative und Liberale argumentieren darum stattdessen gerne mit der durchschnittlichen Arbeitszeit pro Kopf, die in Deutschland tatsächlich deutlich unter dem EU-Schnitt liegt. Der wichtigste Grund dafür: Seit einigen Jahren nimmt die Zahl der Frauen, die arbeiten, stetig zu. Da jedoch das Betreuungssystem für Kinder, insbesondere in Westdeutschland, noch immer viel zu unzuverlässig und unzureichend funktioniert und Care Arbeit auch 2024 in den meisten Partnerschaften nicht fair verteilt wird, arbeitet fast die Hälfte der Frauen in Deutschland in Teilzeit. Gemeinsam mit den insgesamt in Deutschland geleisteten Arbeitsstunden, liegt so auch die Teilzeitquote auf einem historischen Höchststand. Frauen bilden auf diese Weise nach wie vor das größte Potential für Fachkräftegewinnung.
Feministisch Arbeiten- Arbeitszeit verkürzen
Die 40-Stunden-Woche als Goldstandard für die Erwerbstätigkeit stammt aus der Mitte des 20. Jahrhunderts. Damals standen Frauen nur in Ausnahmefällen in Beschäftigungsverhältnissen- gearbeitet wurde trotzdem:
Es waren Frauen, die ihre Familien bekochten, ihnen hinterher putzten und die oft allein für die ganztägige Betreuung der Kinder zuständig waren. Nur durch die unfaire Verteilung unbezahlter Arbeiten innerhalb von Partnerschaften war es möglich, Wochenarbeitszeiten von über 40 Stunden zu erreichen. Diese Verteilung der Arbeitszeit zementiert patriarchale Rollenbilder und hat ganze Generationen von Frauen in wirtschaftliche Abhängigkeiten von ihren Ehepartnern geführt, was sich im Rentenniveau auch noch Jahrzehnte später bemerkbar macht. Unser Steuersystem begünstigt diese Form der Arbeitsverteilung durch das sog. „Ehegattensplitting“ sogar noch. Die Aufweichung von starren Arbeitszeiten und vor allem die allgemeine Reduzierung der Wochenarbeitszeit ist daher eine wichtige Bedingung für eine fairere Aufteilung der Care-Arbeit zwischen Männern und Frauen.
Noch immer besteht ein bemerkenswert hoher „Gender-Care-Gap“, also eine Lücke zwischen der Care-Arbeit, die von Frauen und derjenigen Care-Arbeit, die von Männern geleistet wird.
Um diesen Gap zu schließen und Frauen den Weg in den Arbeitsmarkt zu ebnen, muss die Wochenarbeitszeit sinken. Dabei ist der Kampf um eine hohe Frauenerwerbsquote nicht nur eine volkswirtschaftliche Notwendigkeit, sondern auch eine feministische Pflicht!
Vorteile von Verkürzter Arbeitszeit
Die Vorteile von kürzeren Arbeitszeiten, egal in welcher zeitlichen Aufteilung sie schlussendlich auftreten, sind vielfältig. Unternehmen, in denen mit der Vier-Tage-Woche experimentiert wird, berichten beispielsweise davon, dass der Umgangston unter den Arbeitnehmer*innen entspannter geworden sei. Ebenso zeigt sich, dass die Krankentage der Beschäftigten sinken- die Arbeitnehmer*innen also offensichtlich gesünder sind und sich besser von der Arbeitswoche erholen können. Sie können außerdem mehr Zeit für Sport, gesunde Ernährung und Schlaf einsetzen.
Handwerker*innen, Industriearbeiter*innen und alle anderen, die körperlich schwere Tätigkeiten während ihrer Arbeitszeit ausführen müssen, profitieren hier besonders. Wenn es gelingt, dass mehr körperlich stark beanspruchte Arbeitnehmer*innen regulär in Rente gehen können, sorgen kürzere Arbeitszeiten sogar für ein höheres Arbeitsvolumen der einzelnen Arbeitnehmer*innen, wenn man ihr gesamtes Erwerbsleben betrachtet.
Was tun?
Die Arbeitszeitverkürzung ist ein langfristiger und dynamischer Prozess. Es wird noch Jahre dauern, bis bspw. die 35-Stundenwoche zur Norm geworden sein wird und mehr und mehr Unternehmen die Vorzüge der Vier-Tage-Woche erkennen werden. Wir Jusos erkennen aus unserer marxistischen Analyse die Notwendigkeit der Arbeitszeitverkürzung als klassenkämpferisches Mittel und unterstützen die Gewerkschaften in ihrem Kampf im Sinne der Beschäftigten. Unsere politischen Ziele richten sich in erster Linie an den Bedürfnissen der arbeitenden Menschen aus, nicht an der Personalentwicklung von Unternehmen. Anstatt künstlich die Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt zu bremsen, konzentrieren wir uns darauf, dem Arbeitskräftemangel konstruktiv zu begegnen. Das bedeutet konkret, dass wir weiterhin marktpopulistischen Ideen wie der 41 Stunden Woche, der Erhöhung des Renteneintrittsalters oder der Aufhebung der täglichen Höchstarbeitszeit klare Absagen erteilen.
Unsere Arbeitsmarktpolitik basiert hingegen auf Migration und der guten Integration von Migrant*innen in den Arbeitsmarkt, ebenso wie dem Einbinden von Frauen in das Erwerbsleben und der umlagefinanzierten Ausbildungsplatzgarantie für junge Menschen.
Deshalb fordern wir:
- Die politische Stärkung der Gewerkschaften und der Tarifbindung
- Den Erhalt und Ausbau der momentanen Arbeitszeitgesetze, insbesondere die Reduzierung der täglichen Höchstarbeitszeit
- Einen massiven Ausbau der Ganztagskinderbetreuung, sowohl für Kinder im KiTa Alter, als auch in den Schulen
- Das Recht für Eltern, nach der Elternzeit und anderen Teilzeitbeschäftigten wieder in das vorige (Vollzeit)Arbeitsverhältnis zurückzukehren
- Die Weiterentwicklung der aktuellen Ausbildungsplatzgarantie zu einer umlagefinanzierten Ausbildungsplatzgarantie
- Eine vollständigere Sprachbildung für Geflüchtete und die Anerkennung ihrer Abschlüsse, wo dies möglich ist
[1] https://www.tagesspiegel.de/politik/erst-ab-der-41-wochenstunde-lindner-plant-steuerfreiheit-fur-uberstunden-nur-bei-vollzeit-11543810.html
https://www.jacobin.de/artikel/fdp-streikrecht-einschraenkung
[3] https://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/michael-kretschmer-will-rueckkehr-zur-40-stunden-woche-recht-auf-teilzeit-abschaffen-a-a6cabfc7-55f9-433e-8b8b-68d9960bd24d
[4] https://www.boeckler.de/de/boeckler-impuls-langere-arbeitszeiten-verscharfen-personalprobleme-60577.htm