Solidarisch gegen Klassismus – Klasse erkennen und antiklassistisch handeln
Was ist Klassismus?
Der Begriff „Klassismus“ bezeichnet die Diskriminierung und Benachteiligung von Menschen aufgrund ihrer sozialen Herkunft oder ihrer sozialen Klasse. Dies betrifft insbesondere Menschen, die in ärmeren Verhältnissen aufwachsen, weniger Zugang zu Bildung haben oder in Berufen arbeiten, die gesellschaftlich weniger anerkannt sind. Klassismus zeigt sich in Vorurteilen, Ungerechtigkeiten und ungleichen Lebensbedingungen.
Unsere Gesellschaft ist in vielerlei Hinsicht von Klassenzugehörigkeit geprägt. Diese Zugehörigkeit hat Einfluss auf verschiedene Lebensbereiche, beispielsweise auf Bildung, Berufswahl, auf Gesundheit und sogar auf die Lebenserwartung. Der Kapitalismus beruht auf eben diesen Klassenunterschieden und zeichnet sich dadurch aus, dass einige wenige über Macht und Ressourcen verfügen, während die große Mehrheit der Menschen nichts anderes als ihre Arbeitskraft hat. Die Klimakrise, die durch die kapitalistischen Verhältnisse erheblich beschleunigt wird, verschärft diese Ungerechtigkeiten, da ärmere Menschen stärker von ihren Auswirkungen betroffen sind.
Klassismus in der heutigen Gesellschaft
Auch heute noch prägt Klassismus grundlegend unsere Gesellschaft. Klassismus wirkt hier strukturierend und prägt die Teilhabe und Verwirklichungschancen in unserer Gesellschaft. Ein konkretes Beispiel findet sich im Schulsystem: Die Chance, dass ein Kind von Akademiker*innen eine Empfehlung für das Gymnasium bekommt, ist drei Mal größer als bei einem Arbeiter*innenkind – und das bei gleichen Noten im Zeugnis. Dadurch bleiben den Kindern von Nicht-Akademiker*innen Bildung und Aufstiegschancen verwehrt. Besonders betroffen sind Kinder mit Migrationshintergrund, die zusätzlich oft mit struktureller rassistischer Diskriminierung und Unterdrückung konfrontiert sind.
Kulturelle Diskriminierung zeigt sich ebenfalls im Alltag. So werden bestimmte Musikstile wie Hip-Hop und Rap häufig abgewertet und als „kulturlos“ bezeichnet, oft auch mit rassistischen Untertönen. Kleidung wie Jogginghosen oder Jeans mit Löchern wird bei ärmeren Menschen oft als unangemessen betrachtet und führt zu Ausgrenzung, während sie bei wohlhabenderen Menschen als modisch gelten.
Auch Alleinerziehende, die überproportional von Armut betroffen sind, trifft Klassismus, etwa, wenn sie trotz Arbeit Schwierigkeiten haben, ihre Familien zu versorgen. Diese finanzielle Unsicherheit führt oft zu sozialer Ausgrenzung und weiteren Schwierigkeiten im Alltag.
Hinzu kommt die Stigmatisierung von Menschen, die auf Sozialleistungen angewiesen sind. Personen, die Bürger*innengeld erhalten, werden oft als faul dargestellt, was ein falsches und schädliches Stereotyp ist. Auch geflüchtete Menschen, die Bezahlkarten anstelle von Bargeld erhalten, erleben ein erhebliches Ausmaß an Stigmatisierung durch massive Einschränkung ihrer Freiheiten und die Kennzeichnung als Bedürftige. Diese Beispiele zeigen, wie tief Klassismus in unserer Gesellschaft verankert ist und welche Herausforderungen es noch zu überwinden gilt.
Auswirkungen von Klassismus und Aufrechterhaltung der Klassengesellschaft
Klassismus beginnt auf individueller Ebene bereits in der Kindheit. Beengte Wohnverhältnisse und fehlende eigene Zimmer haben einen negativen Einfluss auf die frühkindliche Entwicklung. Der soziale Hintergrund prägt auch den Bildungsweg: Kinder aus einkommensschwachen Familien haben oft weniger Zugang zu Kulturangeboten und Bildungsmöglichkeiten. Dies führt dazu, dass sie einen geringeren Wortschatz entwickeln als Gleichaltrige aus Akademiker*innenfamilien, was ihre späteren Bildungschancen erheblich mindern kann. Die fehlende Teilnahme an Vereinsaktivitäten und andere Bildungsungleichheiten setzen sich oft fort und beeinflussen die Schul- und Berufslaufbahn. Die Folgen dieser Ungleichbehandlung tragen die Betroffenen ein Leben lang: Statistisch schlechtere Schulnoten führen zu weniger aussichtsreichen Bildungswegen und letztlich zu schlechteren Jobchancen. Besonders gravierend ist die Situation an Universitäten, wo Menschen aus armen Verhältnissen strukturell seltener vertreten sind.
Im Berufsleben haben Menschen aus ärmeren Schichten oft das Nachsehen. Selbst in denselben Berufen werden sie schlechter bezahlt. Das führt langfristig zu Altersarmut. Besonders betroffen sind nicht-weiße FINTA, die zusätzlich durch den „Class Pay Gap“ benachteiligt sind. Auch die Teilhabe an politischen und sozialen Institutionen sowie die Infrastruktur ist oft eingeschränkt. Dies betrifft nicht nur die politische Mitbestimmung, sondern auch den Zugang zu sozialen Einrichtungen. So sind die Auswirkungen von Klassismus auch im Gesundheitsbereich sichtbar: Menschen aus ärmeren Verhältnissen haben häufig eine geringere Lebenserwartung, was auf schlechtere Gesundheitsversorgung, höheren Stress und ungünstige Lebensbedingungen zurückzuführen ist. Ein weiteres Problem ist die Stigmatisierung durch Mythen wie das Märchen vom Reichtum durch harte Arbeit. Diese Vorstellung verdeckt die strukturellen Ursachen von Armut und Ungleichheit und beeinflusst das Selbstwertgefühl der Betroffenen.
Die verschiedenen Ebenen des Klassismus
Klassismus auf institutioneller Ebene umfasst etwa Gesetze und politische Entscheidungen, die bestimmte Gruppen systematisch benachteiligen. Beispielsweise können Vorschriften im Bildungswesen dazu führen, dass Schulen in einkommensschwachen Vierteln weniger gut ausgestattet sind, was die Bildungs- und Zukunftschancen von Kindern und Jugendlichen aus armen Familien einschränkt. Auch politische Entscheidungen über Sozialleistungen oder Wohnbaupolitik können dazu führen, dass benachteiligte Gruppen weiterhin in prekären Lebensbedingungen verharren.
Auf gesellschaftlicher Ebene äußert sich Klassismus durch Ausgrenzung und Stereotypisierung in den Medien und durch gesellschaftliche Normen. Medienberichte können bestimmte soziale Gruppen negativ darstellen, indem sie etwa Vorurteile und stereotype Bilder verstärken. Gesellschaftliche Normen und Erwartungen, wie der Druck, bestimmten Modetrends zu folgen oder bestimmte kulturelle Aktivitäten zu bevorzugen, können Menschen aus ärmeren Verhältnissen zusätzlich isolieren. Diese Art der Diskriminierung schränkt den Zugang zu sozialen und beruflichen Netzwerken ein und verstärkt bestehende Ungleichheiten.
Auf individueller Ebene zeigt sich Klassismus durch konkrete Vorurteile und Verhaltensweisen. Das bedeutet, dass Menschen im Alltag Vorurteile gegenüber anderen haben, die auf deren sozialer Herkunft basieren. Dies kann sich in alltäglichen Interaktionen zeigen, wie beispielsweise in der Art und Weise, wie Menschen miteinander sprechen oder behandelt werden. Individuelle Stereotype führen dazu, dass Menschen aus armen Verhältnissen diskriminiert werden, sei es bei der Jobsuche, im Bildungsbereich oder im sozialen Umfeld.
Zusammen zeigen diese verschiedenen Ebenen, wie tief Klassismus in unserer Gesellschaft verwurzelt ist. Jede Ebene verstärkt die andere und trägt zur Aufrechterhaltung der Klassengesellschaft bei. Das Zusammenspiel von institutionellen, gesellschaftlichen und individuellen Faktoren macht es besonders herausfordernd, Klassismus zu überwinden und eine gerechtere Gesellschaft zu schaffen.
Intersektionalität und Klassismus
Intersektionalität beschreibt, wie verschiedene Formen der Diskriminierung zusammenwirken und sich gegenseitig verstärken. Statt Diskriminierung als einzelne, isolierte Probleme zu betrachten, zeigt der intersektionale Ansatz auf, wie unterschiedliche Benachteiligungen – wie Klassismus, Rassismus oder Sexismus – sich überschneiden und komplexe Formen der Diskriminierung erzeugen. Diese Sichtweise hilft zu verstehen, dass Menschen nicht nur aufgrund einer einzigen Eigenschaft diskriminiert werden, sondern mehrere Aspekte ihrer Identität gleichzeitig Anknüpfungspunkt für Diskriminierung sein können. So führt die Kombination aus rassistischen und klassistischen Strukturen zum Beispiel zur Prekarisierung ganzer Stadtteile, wo Menschen auf besonders engem Raum leben und oftmals hoher Luftverschmutzung ausgesetzt sind. Armut und Rassismus gehen oft Hand in Hand, besonders was die Wahrnehmung und Diskriminierung durch die Mehrheitsgesellschaft angeht. So zeigt sich beispielsweise beim „Talahon“-Trend auf TikTok, dass sich dort über Menschen mit einem Kleidungs- und Verhaltensstil diskriminierend geäußert wird, die oftmals aus ärmeren und migrantischen Verhältnissen kommen. Auch kann z.B. Sexismus, kombiniert mit Klassismus, dazu führen, dass Frauen aus ärmeren Schichten in der Arbeitswelt strukturell schlechtere Chancen auf eine sozialversicherungspflichtige und gut bezahlte Anstellung haben als andere Frauen.
Unsere Forderungen
Für die Arbeit im Verband setzen wir uns dafür ein, dass alle Mitglieder gleiche Chancen auf Teilhabe und Bildung haben, unabhängig von ihrem sozialen oder ökonomischen Hintergrund. Dafür wollen wir:
- Eine barrierearme Kommunikation: Innerhalb unseres Verbandes wollen wir sicherstellen, dass alle Veranstaltungen und Kommunikationsmittel in verständlicher Sprache erfolgen, um die Teilhabe aller Mitglieder zu gewährleisten.
- Unsere Vernetzungsangebote für von Klassismus betroffene stärken: Wir fördern aktiv den Austausch und die Zusammenarbeit innerhalb des Verbandes und mit anderen Bildungs- und Gesellschaftsgruppen, um eine starke und solidarische Gemeinschaft zu schaffen.
- Unabhängigkeit von finanziellen Mitteln: Im Verband achten wir darauf, dass alle Aktivitäten und Angebote für unsere Mitglieder kostenfrei oder erschwinglich sind, um finanzielle Hürden abzubauen.
- Klassismus bekämpfen: Wir erkennen Klassismus als Diskriminierungsform an und arbeiten intern daran, soziale Ungleichheiten zu verringern, indem wir Bewusstsein schaffen und entsprechende Maßnahmen ergreifen.
- Wissenshierarchien abbauen: Im Verband setzen wir uns dafür ein, dass Wissen frei zugänglich ist.
Gesamtgesellschaftlich fordern wir eine grundlegende Veränderung hin zu mehr Gerechtigkeit und Chancengleichheit, damit alle Menschen unabhängig von Herkunft und sozialem Status gleichberechtigt am gesellschaftlichen Leben teilhaben können.
- Schule für alle: Bildung muss ein Grundrecht sein, das allen Menschen ein Leben lang zugänglich ist, unabhängig von sozialem oder wirtschaftlichem Hintergrund. Wir fordern eine ausreichende staatliche Finanzierung, die gleiche Chancen für alle gewährleistet. Konkret bedeutet das die Abschaffung des mehrgliedrigen Schulsystems hin zu einer Schule für alle!
- Politische Teilhabe für alle: Demokratische Teilhabe soll nicht von Bildung, Einkommen oder Herkunft abhängen. Jeder Mensch muss die Möglichkeit haben, sich politisch zu engagieren und mitzubestimmen.
- Ticketloser öffentlicher Nahverkehr: Um allen Menschen Mobilität und gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen, fordern wir einen umlagefinanzierten, ticketlosen öffentlichen Nahverkehr.
- Zugang zu Wissen für alle: Wir setzen uns dafür ein, dass der Zugang zu Wissen nicht durch Zeitmangel oder mangelnde Ressourcen eingeschränkt ist. Öffentliche Bildungseinrichtungen sollen Wissen barrierefrei zur Verfügung stellen. Lebenslanges Lernen muss unabhängig von der individuellen finanziellen Situation für alle möglich sein.
- Zugang zu Ausbildung: Alle Bildungs- und Ausbildungswege müssen offen und zugänglich sein. Niemand soll aufgrund finanzieller oder sozialer Barrieren ausgeschlossen werden. Konkret bedeutet das die endgültige Abschaffung von individuellen Kosten in Bildung und Ausbildung, etwa in Bezug auf die Bezahlung bei Pflichtpraktika.
- Abschaffung des Class Pay Gaps: Gleiche Bezahlung für gleiche Arbeit ist eine Notwendigkeit. Wir fordern echte Berufsfreiheit und gleiche Chancen für alle, unabhängig vom sozialen Hintergrund. Konkret bedeutet das die Stärkung der betrieblichen Mitbestimmung, denn ist die Tarifdeckung hoch sinkt der Pay Gap.
- Stärkere soziale Durchmischung von Stadtteilen: Durch stärkere Durchmischung von vielfältigen Wohnraumangeboten möchten wir garantieren, dass durch die eigene Postleitzahl nicht feststehen soll, wer von Armut betroffen ist und wer nicht, eine stärkere soziale Durchmischung von Stadtteilen mit günstigem Wohnraum darf nicht zur Steigerung des Mietenspiegels führen oder Bewohner*innen des Stadtteils zum Umzug bewegen. Maßnahmen zum Schutz günstigen Wohnraumes sind im Einklang der Durchmischung auszuführen.
- Ausbau von Begegnungsorten, Spielplätzen und Grünflächen für Kinder und Jugendliche: Öffentliche Aufenthaltsorte sollten für alle frei zugänglich sein und keine Frage des Geldbeutels sein. Besonders in dicht besiedelten Vierteln haben Spielplätze eine enorme Bedeutung für Kinder.